Niken – Biken – Liken? Bericht zur Yamaha Niken.

TEXT: Torsten Thimm - BILDER: Yamaha

Kaum ein Fahrzeug hat uns Motorradfahrer in der letzten Zeit so polarisiert wie Yamahas Niken, die vom japanischen Hersteller selbstbewusst mit der Aussage „Ride the revolution“ in den Markt gejagt wird. Handelt es sich bei diesem Gefährt überhaupt noch um ein Bike?
Wie auch immer: Unser Redakteur Torsten Thimm hat sich dem "Wesen" im Rahmen einer Pressevorstellung in der Großglocknerregion genähert und war sichtlich beeindruckt.

Nun, ist es schon einige Jahre her seit mich mein Vater als kleinen Jungen auf die Bretter der Skiwelt stellte. Zuerst noch mit den klassischen Längen. So richtig kam der Spaß allerdings dann mit den Carving Skiern. Auf einmal ging alles leichter und auch am Mittag bei sulzigem Schnee war das Fahren damit kontrollierter und sicherer. Die Essenz nach einer Testwoche war klar – Carving Ski mussten her und die alten wurden in Rente geschickt.

Genau so offen für Neues wie damals stand ich dann auch auf der Eicma 2017 zum ersten Mal der Yamaha Niken gegenüber und bildete mir, zuerst noch unwissend, ein, hier einen Carving Ski für die Straße zu sehen. Keine Ahnung wie ich darauf kam, aber wie sich später bei den ersten Teaser Videos von Yamaha herausstellte, lag ich mit meinen Gedanken nicht ganz falsch und meine Neugier auf das Konzept war fortan geweckt.

Yamaha Niken in Schräglage

Das Gerät
Es ist schon ein großartiges Gefühl, wenn du morgens um halb neun noch leicht verschlafen aus der Hotellobby kommst und vor dir aufgereiht eine Horde von 30 japanischen Triples ihr Stakkato zum Besten geben. Ja genau, der aus der MT09 und Tracer 900 bereits bekannte CP3 Motor mit 847ccm, 115 PS und gut 88 Nm Drehmoment, treibt auch den neuen Multi Wheeler Niken an.

Natürlich gehört bei einem solchen Premiumprodukt das komplette Elektronikpaket mit zur Ausstattung, das neben ABS und zweistufiger Traktionskontrolle auch über einen Tempomat, drei Fahrmodi und einen Quickshifter (ohne Blibberfunktion) verfügt. Ein wenig Zubehör gibt es ebenfalls, jedoch bleiben die Japaner zurzeit noch ein Touringpaket in Form von Koffern und Topcase sowie einer hohen Scheibe schuldig.

Dies soll sich jedoch bis zur offiziellen Markteinführung im Herbst 2018 noch ändern. Basierend auf dem Heck der MT09 sind 195 kg Zuladung möglich sowie ein ausgesprochen bequemer Soziusplatz mit angenehmem Kniewinkel. Das digitale Cockpit liefert alle notwendigen Daten und Infos und ist trotz schwarz-weiß Darstellung auch bei Sonne gut ablesbar. Die LED-Vollausstattung in puncto Beleuchtung lässt keinerlei Wünsche in Sachen Ausleuchtung und vor allem Sichtbarkeit offen. 45 Grad Neigungswinkel gibt Yamaha für dieses revolutionäre Konzept an und die gilt es heute zu erfahren.

Technische Daten Yamaha Niken

Motor: 3-Zylinder DOHC Motor wasser-gekühlt und mit 4-Ventiltechnikt
Hubraum: 847ccm Bohrung: 78,0 mm x 59,1 mm Kompression: 11,5:1
Leistung: 84,5 kW gleich 115 PS bei 10000U/min
Drehmoment: 87,5 Nm bei 8500U/min
Kupplung: Nasssumpfkupplung Getriebe: 6 Gang Schaltung mit Quickshifter
Fahrwerk
Vorderrad: 410 mm Distanz (keine Zulassung für Autoführerschein)
Rahmen: Stahlgitterrohrrahmen
Federung: vorne doppelt USD Gabel, hinten Zentralfederbein

Bremse vorne: Eine Scheibe pro Rad (265,5 mm) und 4 Kolbensättel
Bremse hinten: Eine Scheibe (298 mm) 2 Kolbensattel
Reifen vorne: 120/70 R 15
Reifen hinten: 190/55 R 17
Maße, Gewicht, Füllmegen
Länge: 2.150 mm Breite: 885 mm Höhe: 1.250 mm Sitzhöhe: 820 mm
Gewicht: 263 kg mit allen Flüssigkeiten
Tank: 18 Liter Öltank: 3.4 Liter
Farbe: Ausschließlich Graphite

Ride the revolution?
Die komfortable Sitzposition in 820 mm Höhe lädt zum langen Touren ein und mit einer Reichweite von 300 km, denn die ist mit den 18 Litern Sprit im Benzinfass durchaus möglich, hat man einen Tourer par exellence an seiner Seite. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase von rund 5 Minuten, stellt sich sehr schnell ein sportliches Tourenfeeling ein. Obwohl die Front, ähnlich wie bei einer BMW mit Telelever, etwas entkoppelt wirkt, fühlt man sich als Fahrer bereits auf den ersten Metern sicher.

Dienen die ersten Kurven auf der abtrocknenden Fahrbahn noch ein wenig zum Ausloten der Schräglage und Reaktion von Fahrwerk und Maschine, verfliegen die letzten Zweifel am Konzept doch sehr schnell und spätestens bei der Auffahrt zum Großglockner ist klar, dass das heute ein unvergesslicher Tag werden wird. Die Sonne hat sich durch die Wolken gekämpft, die Berge strecken ihre weißen Schneespitzen in den blauen Himmel, der Asphalt ist mittlerweile trocken und wir können angasen. Sauber zieht der Triple aus dem Drehzahlkeller heraus, pusht uns den Hang hoch und von Kurve zu Kurve, geradewegs hinein in das prophezeite Carvingfeeling der Niken, das Yamaha als ,,Carve with confidence‘‘ bezeichnet.

Großglockner-Carving
Dabei spürt man als Fahrer die Sicherheit, die das zweite Vorderrad vermittelt, sehr deutlich. Hätte ich einen Lederkombi mit Knieschleifern, sie kämen mit Sicherheit bei der einen oder anderen Kurve, spätestens jedoch bei den ersten Fotofahrten, zum Einsatz. Da dies aber nicht der Fall ist und ich so was auch gar nicht besitze, schreien einfach nur die Fußrastennippel um Hilfe, und langsam aber sicher verschwindet im Funkenflug die Kugel an deren Ende. Dabei fährt sich das Motorrad mit seinen 15 Zoll Vorderrädern so spielerisch leicht und einfach, dass genügend Zeit bleibt, um die faszinierende Landschaft um uns herum in vollen Zügen aufzusaugen und zu genießen.

Der überschüssige Vortrieb vor den Kurven wird durch die Vierkolbenzangen mit etwas mehr Handkraft am Bremshebel, aber gutem Druckpunkt, immer wieder sauber reduziert. Auf der anderen Seite unterstützt der verbaute Quickshifter den Vorwärtsdrang der Maschine, da das Kuppeln mit dem leider nicht einstellbaren Kupplungshebel wegfällt. Ein paar Gedanken gehen mir dabei durch den Kopf und beinahe automatisch komme ich zu der Frage, was wäre Niken in Verbindung mit dem Doppelkupplungsgetriebe DCT von Honda?

Doch es bleibt nur ein kurzer Gedankengang, denn auf der Edelweißspitze angekommen, sind wir schnell das Gesprächsthema. Der Großteil der Bikerkollegen dort oben ist sowohl verwundert als auch neugierig darauf, wie sich so ein Dreirad wirklich fährt. Wie ein gewöhnliches Motorrad! Selbst die größere Masse an der Vorderhand ist aufgrund des Konzeptes nicht gravierend spürbar. Vor allem wandern die Blicke hin zur vorderen Radführung und der Radaufhängung, die auf dem sogenannten Ackermannprinzip beruht.

Die Lenkung der Niken entspricht dem gleichen Prinzip, das auch in Autos genutzt wird, wobei die beiden hinteren Gabelholme des Frontend einstellbar sind und die Hauptlast der Dämpfung übernehmen, die beiden vorderen Rohre stabilisieren und mit in die Dämpfung integriert sind. Hinten arbeitet ein über Handrad einstellbares Federbein, welches die Anpassungen an verschiedene Beladungszustände einfach und schnell vonstatten gehen lässt.

In der Praxis arbeitet das gesamte System so genial, dass wie schon gesagt, Vertrauen keine Frage ist und die Niken im Scheitel einer Kurve schneller zu fahren ist, als so manches konventionelle Bike. Auf diese Art mit Fahren, Fotoshooting und Cappuccino vergeht der aufregende Vormittag sehr schnell und nach dem Mittagessen, geht es über die Felbertauernstraße wieder zurück in Richtung Kitzbühel.

Nässe-Erfahrung
Haben wir es bis dato geschafft die aufkommenden Regenwolken einigermaßen zu umcarven, trifft uns eine Schwade ca. 45 km vorm Ziel mit voller Härte. Der Regen prasselt auf einmal wie aus tausenden Gießkannen hernieder und schnell füllen sich die Straßen und Fahrspuren mit Wasser. Die Yamaha reagiert darauf entspannt, denn auch hier punktet das neue Konzept der beiden vorderen Räder durch Spurstabilität.

Während man bei einem normalen Bike auf regennasser Fahrbahn und in Kurven eher mal das Gas zurücknimmt um nicht abzuschmieren, ist die Reaktion der Niken ein im Kurvenausgang gefühlt leichter werdendes Heck, das über die Traktionskontrolle immer wieder sauber eingefangen wird, wenn man es mit dem Herausbeschleunigen übertreibt. In Stufe eins blinkt dabei das Lämpchen im Cockpit recht wenig. In Stufe zwei dürfte es mehr sein, da hier der Regelintervall früher eingreift. Aufgrund des starken Regens und weil man für das Umschalten stehen muss, habe ich das aber nicht mehr ausprobiert.

Äußerlich durchweicht, endet diese Testtour jedenfalls nach 260 km wieder am Hotel und an den Reaktionen der beteiligten Pressemannschaft aus England, Deutschland und der Schweiz erkennt man deutlich, wie gut die Japaner dieses Konzept umgesetzt haben. Jeder hat ein Lächeln im Gesicht und auf der anderen Seite auch Fragezeichen, warum kein Hersteller früher auf die Idee gekommen ist, so etwas zu bauen. Schwer beeindruckt und um eine positive Erfahrung reicher endet dieser Testtag und der erste, aber sicherlich nicht letzte Kontakt für mich zur Yamaha Niken.

Fazit
Niken ist anders und man will auch gar nicht den Geschmack jedes Einzelnen damit treffen. Zudem lässt sich über Geschmack bekanntlich immer vortrefflich diskutieren, was dazu führt, dass die Maschine egal wie ein Gesprächsthema ist. Und das ist sie meiner Meinung nach mit gutem Recht, denn das Erlebte hat sich wie eine Art Barcode eingebrannt, ja es hat sogar ein wenig geprägt und dazu geführt, nachzudenken. Sicherlich wird sie konventionelle Maschinen weder ersetzen, noch ein absolutes Massenprodukt werden. Vielmehr wird Niken, das sich im Übrigen aus dem japanischen Ni (Nei gesprochen) und Ken zusammensetzt und so viel wie zwei Schwerter bedeutet, für Menschen und Biker da sein, die offen für etwas Neues sind, die die Monotonie des Motorradmarktes satt haben und die Individualismus leben und mögen. Eben diesen Menschen wird für 14.995 Euro ein Motorrad von Yamaha angeboten, das den Namen Spaßmobil wahrlich verdient hat und zudem ausschließlich mit dem großen Motorradführerschein gefahren werden darf.

Und allen Zweiflern sei zum Schluss noch gesagt: Wenn möglich, nehmt die Chance wahr, einmal damit zu fahren. Ich könnte mir vorstellen, dass auch ihr das Grinsen unterm Helm nicht mehr verliert.

Nützliche Links

Die Niken kann nur über das Yamaha eigene Onlineportal reserviert und bestellt werden.
Zu finden auf der Yamaha Homepage.

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